Es ist eine der meistbeachteten Storys des Jahres: „You’re likely to get the coronavirus“, titelte der Wissenschaftsjournalist James Hamblin am 24. Februar – und damit vor dem großen Ausbruch von Covid-19 in den USA und Europa. Erschienen ist die 3.500 Worte starke Reportage, die bis heute millionenfach gelesen wurde und unzählige Male in den sozialen Medien geteilt wurde, in einem der renommiertesten Magazine der USA: The Atlantic.

Die 163 Jahre alte Monatszeitschrift, die Mitte des 19. Jahrhunderts von einer Gruppe von Schriftstellern um Ralph Waldo Emerson gegründet wurde, gilt als Inbegriff des Qualitätsjournalismus und hat bis heute nichts an ihrer Deutungshoheit über Politik, Kultur und Literatur eingebüßt.

Im Gegenteil: Tatsächlich hat die Berichterstattung über das Coronavirus und den Umgang der Trump-Administration mit der Pandemie hat The Atlantic so viele neue Leser wie noch nie beschert.

Unerwarteter Digitalboom

Und das in erster Linie im digitalen Zeitalter, in dem das Traditionsmagazin im vergangenen Jahr erst mit der Einführung einer Paywall so richtig angekommen ist. 50 Dollar kostet der Zugang für das Digitalangebot, 60 Dollar die Kombi aus Online und Magazin – ein deutlich günstigeres Angebot als etwa das andere Prestigemagazin von der amerikanischen Ostküste, The New Yorker, das bereits fünf Jahre zuvor Paid Content einführte.

370.000 neue Digitalabonnenten konnte The Atlantic seitdem in zwölf Monaten verbuchen – den Bestwert von 60.000 neuen zahlenden Mitgliedern gerade erst im September. Das angestrebte Ziel, 110.000 Digitalabonnenten in den ersten zwei Jahren der Paywall zu erreichen, wurde damit komplett pulverisiert.

Neuerfindung unter Steve Jobs’ Witwe Laurene Powell Jobs

„Die letzten sechs Monate waren wahrlich phänomenal“, resümierte Michael Finnegan, Präsident der Verlagsmutter Atlantic Media, im September die Erfolgsserie. „Wir haben unsere monatlichen Zielmarken neu angepasst. Es ist wirklich aufregend“, feiert Finnegan gegenüber dem Branchenportal Digiday den jüngsten Digitalerfolg.

Maßgeblichen Anteil an der Neuaufstellung hat eine der bekanntesten und vermögendsten Frauen Amerikas: Laurene Powell Jobs. Steve Jobs’ Witwe, erwarb 2017 zur Überraschung vieler Branchenbeobachter einen 70 Prozent-Anteil an The Atlentic für 110 Millionen Dollar. Massive Investments in den Newsroom folgten.

„Größte kulturelle Relevanz seit dem 19. Jahrhundert“

Auch wenn The Atlantic zwischenzeitlich wieder Geld verliert, scheinen sich die Investitionen auszuzahlen: Der lang erwartete Schwenk in Richtung eines leser-finanzierten Geschäftsmodells trägt Früchte. Bis 2022 strebt das Magazin 650.000 Abonnements (Print und Digital) und Aboerlöse in Höhe von 50 Millionen Dollar an.

20 Millionen Dollar Umsatz soll das Onlineangebot bereits generieren, rechnet Digiday vor, das bescheinige der Zeitschrift, mit ihren langen Reportagen in der Coronakrise „die größte kulturelle Relevanz seit dem 19. Jahrhundert“ erlangt zu haben.

Das vermutlich sicherste Indiz, dass sich The Atlantic auf einem ähnlichen Erfolgsweg wie Branchenvorbild New York Times befindet, lieferte unterdessen Donald Trump. Der US-Präsident bezeichnete The Atlantic nach einer Exklusivreportage über gefallene Soldaten, über die sich Trump abschätzig geäußert haben soll, als „scheiterndes Zweitklasse-Magazin“ – eine Einschätzung, zu der sich der 74-Jährige in der Vergangenheit vor allem gegenüber erfolgreichen US-Qualitätsmedien hinreißen ließ.

Der Autor

Nils Jacobsen
Nils Jacobsen
Nils Jacobsen ist Wirtschaftsjournalist und Techreporter in Hamburg. Der studierte Medienwissenschaftler und Buchautor („Das Apple-Imperium“ / „Das Apple-Imperium 2.0“ ) berichtet seit 20 Jahren über die Entwicklung der Aktienmärkte und digitalen Wirtschaft: seit 2008 täglich für den Branchendienst MEEDIA, in einer wöchentlichen Kolumne für Yahoo Finanzen und in monatlichen Reportagen für die Marketingzeitschrift absatzwirtschaft. Jacobsen war zudem als Chefredakteur der Portale CURVED, clickfish, US FINANCE und YEALD aktiv.