Es ist seit jeher eine der meistbeachteten Studien der Branche: Der Digital News Report des Reuters Institute, den die Nachrichtenagentur in Zusammenarbeit mit der Universität Oxford turnusmäßig zur Jahresmitte herausgibt. Im Januar hat Reuters nun den Trend Report in Form von mehreren Prognosen für das neue Medienjahr vorgelegt.
Das Recherche-Team um Nic Newman hat dafür 233 Medienmacher aus 32 Ländern nach ihrer Einschätzung über die Entwicklung des Journalismus 2020 befragt. Wichtigstes Ergebnis: Die Zuversicht in der Branche ist zurückgekehrt. Im Vorjahr noch rechneten zahlreiche Entscheider mit harten Einschnitten und Massenentlassungen – nun ist eine Trendwende unverkennbar.
Verlagsmanager wegen Siegeszug von Paid Content optimistisch für 2020
73 Prozent der Befragten erklärten, sie seien „ zuversichtlich“ oder „sehr zuversichtlich“ für die Aussichten ihrer Verlage und Medienunternehmen im neuen Jahr. Der neu gewonnene Optimismus reflektiert die zahlreichen Erfolgsstorys des vergangenen Jahres (The Guardian, New York Times, Financial Times, The Athletic, …), in denen sich herauskristallisierte, dass durch steigende Abonnentenumsätze das Geschäftsmodell gestärkt werden konnte.
Wenig überraschend sehen Verlagsmanager den Goldstandard in einer erfolgreichen Paid Content-Strategie. Qualität kostet eben – und sie wird inzwischen im steigenden Maße vom Leser bezahlt. Entsprechend sehen 50 Prozent der Studienteilnehmer in Umsätzen, die durch Leser generiert werden („Reader Revenue“) – also Abonnements – die wichtigste Einnahmequelle.
„Das Abonnentenmodell ist zukunftssicher“
35 Prozent der Medienentscheider setzten ihre Hoffnung auf einen Mix aus Leser- und Werbeeinnahmen, während nur 14 Prozent Werbeerlöse als Königsweg des operativen Verlagserfolgs betrachten.
„Der Wachstumstreiber Leserumsätze hat sehr positive Aussichten, Werbeerlöse bleiben dagegen ein Grund zur große Sorge“, fasst Jon Slade, Chef Commercial Manager der britischen Financial Times die Stimmung in der Branche zusammen. „Wir sind überzeugt, dass das Abonnentenmodell zukunftsreicher ist“, sekundiert Jan-Willem Sanders, Verleger der niederländischen Finanzseite „Follow the Money“.

Öffentlich-Rechtliche blicken skeptischer ins neue Jahr
Im Kontrast zur Aufbruchstimmung in der Verlagsbranche steht dagegen die Einschätzung der öffentlich-rechtlichen Entscheider, die ihr von Steuergeldern finanziertes Geschäftsmodell durch die Disruption der Medienindustrie von neuen Digital-Playern wie Netflix, Spotify & Co. und politisch motivierten Budgetkürzungen (wie in Großbritannien, Dänemark und Österreich) zunehmend hinterfragt, wenn nicht gar unter Druck sehen. So äußerten sich nur 46 Prozent der öffentlich-rechtlichen Medienmanager zuversichtlich für das laufende Jahr.
Eine neue Herausforderung für die Rundfunkanstalten scheint unterdessen auch zunehmend durch den vor Jahren noch unwahrscheinlichen Aufstieg von Podcasts zu entstehen. In den USA dürften die durch Podcasts erzielten Umsätze im kommenden Jahr erstmals die Milliardengrenze durchbrechen. Am vielversprechendsten sind für Medienmanager aktuelle News- und Interview-Formate, die von 53 Prozent der Studienteilnehmer als „wichtig“ eingestuft werden.
Journalismus im postfaktischen Zeitalter vor zunehmender Herausforderung
Als allgemeine Herausforderung des Journalismus wird unterdessen der Umgang mit der Wahrheit im postfaktischen Zeitalter der Trump-Ära beurteilt. Durch in den sozialen Medien verbreiteten Rechtspopulismus würde die Bedeutung von Qualitätsjournalismus zunehmend unterwandert, befürchten einige Studienteilnehmer.
“Es reicht nicht mehr aus zu sagen, die Berichterstattung spricht für sich selbst”, mahnt etwa Meera Selva vom Reuters Institute an. 85 Prozent der Befragten erklärten, Medien sollten verstärkt aus der Politik verbreitete Lügen und Halbwahrheiten herausstellen.
Konkret befragt, wie sie Twitter, Google, YouTube und Facebook im Kampf gegen Fehlinformationen bewerten, stellten die Medienmanager dem Kurznachrichtendienst Twitter die besten Noten aus, während Facebook kurz hinter YouTube auf dem letzten Platz rangiert. Bei der grundsätzlichen Unterstützung von Journalismus sehen Verlagsentscheider Google vorne.