Verbannung kann hilfreich sein – Steve Jobs hat es vorgemacht. Als der Apple-Gründer 1985 vom Aufsichtsrat gefeuert wird, steht der Popstar des Silicon Valley vermeintlich im Abseits. Jobs reist verbittert durch Europa, schläft in italienischen Vorgärten und erlangt in seinen „Wilderness Years“ doch bald die Reife, die ihn auf Größeres vorbereitet: Die Rückkehr zu seinem Unternehmen Apple zehn Jahre später, das er schließlich bis zu seinem Tod zum wertvollsten Konzern machen sollte.

Nach der gleichen Blaupause verläuft die zweite Karriere des einstigen Staranalysten Henry Blodget, der zur Millenniumswende als Popstar der Bankenbranche galt, weil er früh das Potenzial von Internetunternehmen erkennt. Dem gerade mal vier Jahre alten Buchversender Amazon verpasste der frühere Geschichtslehrer etwa ein Kursziel von 400 Dollar, als dieser noch bei (nicht splitbereinigten) 200 Dollar stand – wenige Wochen später bekam Blodget recht.

Henry Blodget, Wall Street-Popstar der Millenniums-Internetblase  

Doch wenig später platzte die Internetblase, und Blodget verlor nicht nur seinen hoch dotierten Analystenjob bei Merrill Lynch, sondern wurde auch noch von der US-Börsenaufsicht SEC wegen „betrügerischer Analysen“ mit einer Schadenersatzzahlung in Höhe von mehr als vier Millionen Dollar und Berufsverbot belegt. Dem einstigen Star-Analysten wurde zur Last gelegt, die Aktie des Unternehmens InfoSpace zum Kauf empfohlen, aber in einer internen Mail als „einen Haufen Dreck“ bezeichnet zu haben.

Blodget erlebte seinen persönlichen Steve Jobs-Moment: Er war ein Aussätziger in einer Branche, die er so gut verstand wie kaum ein anderer. Als Analyst mit einem Berufsverbot belegt, besann sich der New Yorker seiner früheren Leidenschaft: dem Schreiben. Zwar durfte er nicht mehr als Wall Streeter Unternehmen analysieren, doch wer verbot ihm über die Wall Street zu schreiben?

Vom „Internet-Outsider“ zum erfolgreichsten Wirtschaftsportal der Welt

Als ironische Referenz an sein früheres Analystenleben startete Blodget in den Nullerjahren einen Blog namens Internet Outsider: Er, der Geächtete, schrieb aus Spaß an der Sache über die Entwicklung der Internetbranche. Schnell wird der frühere Doubleclick-CEO Kevin P. Ryan auf Blogets Schreibbemühungen aufmerksam und sieht Potenzial.

Mit einem Startkapital von 400.000 Dollar ausgestattet, startet der heute 52-Jährige 2007 ein Tech-Blog namens Silicon Alley Insider, das den Boom der neuen Superstars der US-Wirtschaft beleuchtet: Apple, Facebook, Google, Amazon. Es ist das richtige Portal zum richtigen Zeitpunkt vom richtigen Macher: Wie kein Zweiter kann Blodget erklären, welches Potenzial das iPhone und damit die Apple-Aktie besitzt, was für Wunderkind Mark Zuckerberg spricht oder warum Jeff Bezos der beste CEO der Welt ist.

„Wir haben von Anfang an 100 Prozent digital gedacht“

Doch nicht nur der Inhalt zählt, sondern die Aufbereitung. Wie kaum ein anderer Journalist oder Medienmacher versteht Blodget den Paradigmenwechsel von Print zu Online. Der Silicon Alley Insider, aus dem bald für ein größeres Publikum der Business Insider werden sollte, liefert schnelle Analysen mit manchmal etwas reißerischen Überschriften im Expresstempo der Wall Street. „Wir haben von Anfang an 100 Prozent digital gedacht“, bekannte der New Yorker später.

Die Denke setzt sich in der Verlagsbranche durch. Der Business Insider liefert Traffic getriebenen Wirtschaftsjournalismus für Millennials, die die schnelle News gerne auf dem iPhone und Blackberry lesen wollen – und zwar in Echtzeit.

Reichweitenstärkstes Wirtschaftsportal der Welt

Im Geschäftsjahr 2017 fuhr der Business Insider Erlöse in Höhe von 81 Millionen Dollar ein – ein Plus von 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr und sogar 88 Prozent gegenüber dem Geschäftsjahr 2015, als das Blogkonglomerat übernommen hatte. Mit einer Reichweite von monatlich 124 Millionen Nutzern ist der Business Insider, der mittlerweile in 20 Ländern mit einem eigenen Portal vertreten ist (die deutsche Ausgabe startete im November 2015), inzwischen sogar das reichweitenstärkste Wirtschaftsportal der Welt.

Künftig will sich das Millennial-Portal noch breiter aufstellen. So wurde der Business Insider jüngst zur Dachmarke „Insider“ verkürzt und dürfte mit einem Car– oder Travel Insider weitere Ableger bekommen.  „Der neue Unternehmensname steht für unsere Mission“, erklärt Unternehmensgründer Henry Blodget, der auch drei Jahre nach der Übernahme durch Springer die Galionsfigur der Marke bleibt. „Wir wollen unsere Nutzer durch modernstes Storytelling informieren und inspirieren – auf jeder Plattform, jedem Medium und jedem Bildschirm“.

Der Autor

Nils Jacobsen
Nils Jacobsen
Nils Jacobsen ist Wirtschaftsjournalist und Techreporter in Hamburg. Der studierte Medienwissenschaftler und Buchautor („Das Apple-Imperium“ / „Das Apple-Imperium 2.0“ ) berichtet seit 20 Jahren über die Entwicklung der Aktienmärkte und digitalen Wirtschaft: seit 2008 täglich für den Branchendienst MEEDIA, in einer wöchentlichen Kolumne für Yahoo Finanzen und in monatlichen Reportagen für die Marketingzeitschrift absatzwirtschaft. Jacobsen war zudem als Chefredakteur der Portale CURVED, clickfish, US FINANCE und YEALD aktiv.