Was das generelle Vertrauen ins Mediensystem angeht, liefert das Reuters Institute for the Study of Journalism in seinem Digital News Report einen internationalen Vergleich für 26 Länder. Der Aussage „Ich glaube, man kann dem Großteil der Nachrichten meistens vertrauen“ stimmen in Deutschland 52 Prozent zu. 30 Prozent sind unentschieden, und 18 Prozent stimmen nicht zu. Forscher vom Hamburger Hans-Bredow-Institut, die den deutschen Part betreuen, weisen auf die Bedeutung des Erhebungszeitraums hin: Die Befragung fand Ende Januar/Anfang Februar 2016 statt, also kurz nach der „Kölner Silvesternacht“, als die öffentliche Diskussion über Nachrichtenjournalismus und tatsächliche oder vermeintliche journalistische Fehlleistungen sehr präsent war. Umso bemerkenswerter: Unter allen 26 Ländern belegt Deutschland den siebten Platz.

Internationales Vertrauens-Ranking: Deutschland vorne mit dabei

Am besten schneidet Finnland mit einem Vertrauensvotum von 65 Prozent ab, das Schlusslicht bildet Griechenland mit 20 Prozent. Spannend ist, wie unterschiedlich die beiden angelsächsischen Länder abschneiden, die auf eine große Tradition im Nachrichtenjournalismus zurückblicken: Während Großbritannien auf dem deutschen Niveau liegt, glaubt in den USA nur ein Drittel der Bevölkerung man könne dem Großteil der Nachrichten meistens vertrauen.

Trump-Effekt – Debatte in den USA

Über die amerikanischen Medien wurde im letzten Jahr während des Präsidentschaftswahlkampfes viel debattiert, auch bei uns. Donald Trump konnte im Wahlkampf bei einem Teil der Amerikaner mit Beschimpfungen der Medien punkten. Das hat bei uns Besorgnis ausgelöst, auch mit Blick auf die Bundestagswahl im Herbst. Allerdings unterscheiden sich die Rahmenbedingungen in beiden Ländern so gravierend, dass solche „Trump-Effekte“ in Deutschland vorerst unwahrscheinlich sind.

Schwerer Vertrauensverlust wichtiger US-Institutionen

Anders als in Deutschland gibt es in den USA lange Zeitreihen, die einen Vertrauensverlust der Medien belegen. Doch darf man dies nicht isoliert betrachten. In den USA ist nämlich eine schleichende Krise fast aller Institutionen zu beobachten. Darauf weisen Gallup-Zeitreihen hin. Mit Ausnahme des Militärs und der Kleinunternehmen genießen alle Institutionen gegenwärtig weniger Vertrauen als im langfristigen historischen Durchschnitt. Das gilt zum Beispiel für den Kongress, den Präsidenten, für das oberste Gericht, für die Banken und das Bildungssystem. Wenn das Vertrauenskapital in einer Gesellschaft so sehr erodiert, können sich die vermittelnden Institutionen – die Medien – dem nicht entziehen.

Das Vertrauen in den Präsidenten war jeweils zu Beginn der Amtszeit von George W. Bush und Barrack Obama deutlich höher als am Ende. Die Ursprungswerte schwanken demzufolge stark um den Trend der Jahre 2001 bis 2016, doch ist dieser Trend genauso abwärtsgeneigt wie der Trend, der das Vertrauen in den Kongress beschreibt.

Allgemeiner Vertrauensschwund betrifft auch Medien

Dass die Medien vom Vertrauensschwund mitgerissen werden, überrascht nicht – schließlich ist es ihre Aufgabe, auch unerwünschte Nachrichten zu überbringen. Der Vertrauensschwund in den USA geht im Übrigen auch einher mit einer stark zunehmenden politischen Polarisierung, wie Studien des Pew Research Centers zeigen.

In Deutschland nimmt die Polarisierung in letzter Zeit ebenfalls zu. Das zeigt nicht zuletzt der Blick in Social Media wie Facebook und Twitter. Umso wichtiger ist der Beitrag, den Editorial Media zur Versachlichung der Debatten leisten können. Einen so schweren Vertrauensverlust wichtiger Institutionen wie in den USA gibt es bei uns bisher jedoch nicht, wenn man den Umfragen des Instituts für Demoskopie Allensbach vertrauen kann.

Der Autor

Dr. Uwe Sander
Dr. Uwe Sander
Der gelernte Volkswirt arbeitete nach einigen Jahren in der empirischen Wirtschaftsforschung von 1984 bis 2014 in verschiedenen Funktionen beim Verlag Gruner+Jahr, u.a. für die Titel Capital, Stern, GEO und Art. Heute ist er freiberuflich als Autor und Berater tätig. Sein besonderes Interesse gilt der Entwicklung des digitalen Journalismus.